Von Pasteur und Metschnikow  bis zur Reform und faktischer Liquidation: Die ganze Wahrheit über das “geheime amerikanische Biolabor” in Odesa


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«Geheime amerikanische Biolabore» in der Ukraine werden zum Thema Nummer eins auf der Tagesordnung der größten Medien der Welt. « Biolabs!»´- amerikanische Fernsehmoderatoren verdrehen die Augen, während russische Vertreter Sitzungen des UN Sicherheitsrates einberufen, zu denen sie immer mehr neue absurde «Beweise» bringen.

Wir, die Journalisten von Odesa, betrachten dieses Aufsehen mit einer Gefühlsmischung aus Furcht und Sarkasmus. Wir wissen sehr gut, wovon die Rede ist. Wir haben Fotoreportagen aus diesem «geheimen Objekt» geschaffen. Wir verstehen, wie wichtig und notwendig es für die ukrainische Wissenschaft ist. Wir haben uns jahrelang bemüht, dieses einzigartige wissenschaftliche Zentrum zu bewahren.

Leider erfolglos.

Heute benutzt man dieses für uns schmerzhafte Thema zur Rechtfertigung des umfassenden Angriffes auf unser Land, der Zerstörung ukrainischen Städte, zur Vorbereitung des Einsatzes von den Massenvernichtungswaffen, für die Auslösung des Dritten Weltkriegs und möglichen Morde von Millionen Menschen. In dieser Situation dürfen wir nicht schweigen und halten wir es für unsere Pflicht, die Wahrheit mitzuteilen.


Pasteur, Metschnikow, Gamaleja

Mit Erregern von besonders gefährlichen Infektionen arbeitet man in den Laboratorien von Odesa schon seit eineinhalb Jahrhunderten. Die erste bakteriologische Station wurde hier von dem zukünftigen Nobelpreisträger, Professor Ilja Metschnikow gegründet.

Nachdem Metschnikow erfahren hatte, dass der französische Chemiker und Mikrobiologe Louis Pasteur einen Weg geunden hat, Tollwut mit einem Impfstoff zu behandeln, sandte Metschnikow seinen Lehrling, der Arzt aus Odesa Nikolay Gamaleja, nach Paris — denselben Arzt, dessen Namen jetzt das berühmte russische Zentrum der Epidemiologie und Mikrobiologie trägt.  

Nach einem Praktikumsjahr kehrte Gamaleja nach Odesa zurück und wurde Leiter der zweitgrößten Pasteur-Station der Welt. Hier wurden Impfungen hergestellt und an Tollwut erkrankte Menschen und Tiere behandelt. Die ersten Impfungen wurden 1886 hergestellt.

Außer Tollwut wurden in Odesas Station die Erreger anderer gefährlicher Krankheiten untersucht: Cholera, Fleckfieber, Hautrotz, Milzbrand, Tuberkulose, Lepra und Syphilis.

Mikrobiologen von Odesa arbeiteten mit Wissenschaftlern aus anderen Ländern zusammen. 1887 zog Ilja Metschnikow nach Paris um. Er arbeitete viele Jahre in dem Pasteur Laboratorium und besuchte regelmäßig seine Heimat. 1905 wurde Metschnikow zum Stellvertretenden Direktor des Pasteur Institut ernannt. 1908 erhielt Metschnikow zusammen mit Paul Ehrlich, dem Lehrling von Robert Koch, den Nobelpreis in Physiologie und Medizin.

In der Sowjetzeit wurde die Arbeit fortgesetzt. Im Jahre 1923 wurde die Station in das Bakteriologische und Physiologische Institut von Dr. Gamaleya umgewandelt, auf dessen Grundlage später das Odessaer Forschungsinstitut für Virologie und Epidemiologie gegründet wurde.

Der Schwerpunkt der Arbeit der Mikrobiologen aus Odesa lag auf dem Schutz von Tieren und Menschen vor besonders gefährlichen Krankheiten, die für Moldawien und die Südukraine typisch waren.

Viele Jahre lang war der «schwarze Tod», die Pest, das größte Problem. In verschiedenen Teilen der UdSSR wurde ein Netz von Pestbekämpfungsstationen eingerichtet, um diese schreckliche Krankheit in der Nähe von natürlichen Ausbrüchen zu bekämpfen. Zwei davon befanden sich in der Ukraine — in Simferopol und Odesa. Im Laufe der Jahre verzeichneten Ärzte und Wissenschaftler in Odesa viele Fälle der Pest, doch dank der effektiven Arbeit von Biologen und Epidemiologen kam es in keinem Fall zu einem größeren Ausbruch der Seuche.

1999 wurde die Station mit dem Institut der Virologie und Mikrobiologie zum Ukrainischen Forschungsinstitut für Pestbekämpfung (UFIPV), das den Namen des Nobelpreisträgers Ilja Metschnikow wohlverdient trägt.


Krieg und Frieden

Die Verbreitungswege und -mechanismen der Pest in Zentralasien und den Steppenzonen der Ukraine werden seit vielen Jahren von Professor Ivan Rusev, Doktor der Biologie, untersucht. Im Jahr 1981 schloss er sein Studium an der Biologischen Fakultät der Universität Odesa ab und begann seine Arbeit in der Pestkontrollstation und später im Institut. Rusev war Leiter des Labors für Ökologie der Träger und Vektoren von Krankheitserregern besonders gefährlicher Infektionen. Von 2001 bis 2014 hatte er verschiedene Positionen am UFIPV inne und war stellvertretender Direktor für wissenschaftliche Arbeit.

«Ich habe mehr als dreißig Jahre lang in geschlossenen wissenschaftlichen Einrichtungen mit epidemiologischem Profil gearbeitet», erklärte Professor Rusev gegenüber Dumskaya. «Als stellvertretender Direktor für wissenschaftliche Arbeit habe ich mit vielen Forschungszentren in der ehemaligen Sowjet und im Ausland zusammengearbeitet. Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass die Ukraine nie an der Entwicklung biologischer Waffen beteiligt war - weder zu Sowjetzeiten noch nach der Wiederherstellung der Unabhängigkeit. Ukrainische Einrichtungen hatten keinen Zugang zu solchen Projekten und arbeiteten an rein friedlichen Projekten zur Überwachung und Prävention von Infektionen.»

Laut Rusev wurden geheime Programme für die Entwicklung der bakteriologischen Waffen in dem Saratower Institut «Mikrob» durchgeführt. An militärischen Projekten mit Viren wurde auch im größten russischen Zentrum «Vektor» in Novosibirsk gearbeitet.

Nach den Erinnerungen eines Biologen aus Odessa wurden auch auf der Insel Vozrozhdeniya (heute Halbinsel) und der Insel Barsakelmes (heute Gebiet) im Aralsee (Kasachstan) biologische Waffen entwickelt und an Menschen getestet.

«Ich habe viele Jahre lang natürliche Pestausbrüche untersucht», sagt der Wissenschaftler. «Ich verbrachte viel Zeit mit Expeditionen zum Aralsee Karakum, schrieb eine Monographie über die Pest in Odesa, die unsere Stadt 18 Mal heimsuchte. Aber die Insel Barsakelmes war selbst für uns Wissenschaftler eine absolut geschlossene Zone.»


PRAXIS

Der Zoologe Dmitry Sokolovsky arbeitet seit fast zwanzig Jahren bei der UFIPV.

«Ich habe im so genannten 'praktischen' Teil gearbeitet», erzählte er. «Meine Kollegen und ich suchten und sammelten verschiedene Biomaterialien. Wir gingen auf Expeditionen, fingen Nagetiere, Zecken und Mücken, die Infektionsüberträger sein könnten, und sammelten Proben von Tierkot, Wasser und Boden.»

Mehr als ein halbes Jahrhundert Arbeit von Zoologen hat zu einer Sammlung von Mikrobenstämmen geführt, welche 2004 vom Gesundheitsministerium als nationaler Schatz der Ukraine anerkannt wurde.

Der Zugang zu einer solchen Sammlung ermöglichte es den beiden anderen Teilen des Instituts, voll zu funktionieren: dem wissenschaftlichen Teil, der sich mit der Forschung befasste, und dem Produktionsteil, der die Arbeit des in Odesa ansässigen Unternehmens Bioprom unterstützte.


Der Betrieb, der nicht existiert

Irina Grigorasheva arbeitete bei Bioprom-Odesa als stellvertretende Direktorin für Qualität. Sie entwickelte Technologien für die Herstellung verschiedener bakterieller und viraler Präparate für Medizin und Landwirtschaft.

«In den besten Jahren stellte unser Unternehmen mehr als vierzig Produkte her», sagt sie. «Wir produzierten standardisierte Stämme, unsere Produktion galt als eine der besten in der UdSSR. Wir produzierten auch abgeschwächte Grippe-Lebendimpfstoffe, Impfstoffe und Seren gegen verschiedene Tier- und Humankrankheiten sowie Probiotika — Bifido- und Laktobazillen — zur Prävention und Behandlung von Dysbakteriosen.»

Bei «Bioprom» wurden geschwächte und inaktivierte Impfstoffe nach traditioneller Technologie hergestellt: Ein bestimmter Stamm wurde mittels eines Nährmediums oder einer Zellkultur gezüchtet und dann durch verschiedene chemische und physikalische Einflüsse geschwächt oder vollständig inaktiviert.

„Ohne Proben des Erregers ist es unmöglich, ein Medikament herzustellen, die Qualität und Wirksamkeit zu prüfen oder beispielsweise ein Testsystem herzustellen und seine Wirksamkeit zu überprüfen«, stellt die Fachfrau fest.

Irina Grigorasheva ist heute Direktorin des Privatunternehmens Vozrozhdenie M, Autorin und Mitautorin von sechs Patenten in den Bereichen Virologie, Immunologie und Zootechnik.

Irina blickt mit Nostalgie auf Bioprom zurück. Die Produktion wurde im Jahr 2001 eingestellt. Jetzt sind nicht nur die High-Tech-Anlagen, sondern auch das Fabrikgelände zerstört, und das Gelände wird als Parkplatz genutzt.


Schwierige 90-er

Die 1990er und 2000er Jahre waren eine schwierige Phase für die ukrainische Wissenschaft. Das Land erlebte eine schwere Zeit. Die staatlichen Mittel wurden auf ein Minimum reduziert. Man hoffte auf ausländische Hilfe in Form von Aufträgen für wissenschaftliche Forschung oder direkter Finanzierung im Rahmen zwischenstaatlicher Zielprogramme.

1993 unterzeichneten die Regierungen der Ukraine, Kanadas, der USA und Schwedens ein Abkommen über die Einrichtung des Ukrainischen Wissenschafts- und Technologiezentrums (UWTZ). Diese zwischenstaatliche Einrichtung bemühte sich um die Finanzierung von Friedensprojekten, um Forschungsinstitute in der Ukraine, Georgien und Aserbaidschan «über Wasser zu halten».

Das UFIPV war nicht Teil des sowjetischen Biowaffenkomplexes, so dass es ohne finanzielle Unterstützung auskommen musste, welche die westlichen Länder den ehemaligen sowjetischen Entwicklern von Massenvernichtungswaffen großzügig zukommen ließen, um sie davon abzuhalten, ihr Wissen an Terroristen und Schurkenstaaten zu verkaufen.

Die Ergebnisse waren erwartbar. Im Jahr 2005 besuchte Raymond Zylinskas, ein amerikanischer Wissenschaftler, der sich auf sowjetische chemische und biologische Waffenprogramme spezialisiert hat, das Institut in Odesa. Er stellte fest, dass hier zwar keine Waffen entwickelt werden, aber das Sicherheitsniveau katastrophal niedrig ist. Er wies insbesondere auf die Zugänglichkeit des Labors für Außenstehende und die schlechte Qualität der persönlichen Schutzausrüstung für das Personal hin, das in einfachen Baumwollkitteln arbeitete. Er wies insbesondere auf das Fehlen eines wirksamen Belüftungssystems hin, was dazu führte, dass die Arbeit mit hochgefährlichen Krankheitserregern manchmal bei offenem Fenster durchgeführt wurde.

In einem Interview mit US-Journalisten äußerte er die Befürchtung, dass der Zustand des Labors in Odessa dazu führen könnte, dass Krankheitserreger austreten oder in unsaubere Hände geraten.

Das Medienecho trug dazu bei, dass das UWTZ Mittel für die Modernisierung des Labors bereitstellen konnte. Die Arbeit wurde vom US-Verteidigungsministerium als der führenden US-Behörde für Biosicherheit finanziert.


Amerikanische Unterstützung

Andrei Voljanskij, MD, ist Immunologe und Leiter des Netzwerks «Your Baby — Your Family» von Kliniken für Familienmedizin. In den Jahren 2006-2007 war er stellvertretender Direktor des UFIPV für die wissenschaftliche Arbeit und 2007 war er Direktor des Instituts.

«Im März 2006 besuchten Mitarbeiter der US Defense Threat Reduction Agency (DTRA) mehrere ukrainische Institute und unterbreiteten einen Vorschlag zur Modernisierung der Lagereinrichtungen für Museumserreger», erinnert sich der Mediziner. «Alles war freiwillig. Die Pestbekämpfungsinstitute von Odessa und der Krim, die Zentrale Sanitäts- und Epidemiologische Station, das Lemberger Forschungsinstitut für Epidemiologie und Hygiene sowie das Institut für experimentelle und klinische Veterinärmedizin in Kharkiw erklärten sich bereit, an dem Programm mitzuarbeiten. Einige wissenschaftliche Zentren lehnten das Angebot ab, was auf amerikanischer Seite Verwunderung auslöste.»

Das UWTZ unterzeichnete dann einen Vertrag zwischen dem US-Verteidigungsministerium und dem ukrainischen Gesundheitsministerium. In der ersten Phase wurden sehr bescheidene 8 Millionen Dollar bereitgestellt. Die Arbeiten wurden von ukrainischen Auftragnehmern ausgeführt.

«Im Frühjahr 2007 begann die Modernisierung des wissenschaftlichen Teils — des virologischen Labors mit einem mikrobiellen Museum. Weder der Name noch die Aufgaben des Labors wurden geändert. Infolgedessen erhielten wir ein System mit Zugangsbeschränkung, Tiefkühltruhen für die Lagerung von Proben bei Temperaturen von bis zu minus 80 Grad, moderne Geräte, einschließlich eines Sequenzers für die molekulare DNA-Analyse und PCR-Tests, und wir haben das Labor auf die biologische Sicherheitsstufe BSL-3 angehoben.»

Zum Verständnis. BSL-1 ist ein Krankenhauslabor, in dem Bluttests und Bakterienkulturen aus dem Sputum von Patienten genommen, gelagert und verarbeitet werden. BSL-2 ist eine ernstere Stufe und wird z. B. für den Betrieb von Testzentren für HIV und andere chronische Infektionskrankheiten benötigt. Laboratorien der BSL-3-Stufe können mit gefährlichen Krankheitserregern umgehen, indem sie spezielle Belüftungs-, Personenschutz- und Zugangsbeschränkungssysteme verwenden. Auf der höchsten Sicherheitsstufe, BSL-4, kann auch mit nicht behandelbaren Krankheitserregern gearbeitet werden. Ein solches Hochsicherheitslabor gibt es z. B. in Novosibirsk namens «Vector». In der Ukraine gibt und gab es sie nie.

«Bereits 2007 begann die zweite Phase des Programms — die Modernisierung von Labors der sanitär-epidemiologischen Stationen (SES) in der gesamten Ukraine», so Andriy Volyansky weiter. «Dank der US-Hilfe erhielten die Laborzentren der ukrainischen SES eine moderne Ausrüstung. Daher konnten wir im Jahr 2020 relativ schnell Coronavirus-Tests in allen Regionen einrichten. Im vergangenen Jahr wurden diese Laboratorien in regionale Zentren für Seuchenkontrolle und -prävention des Gesundheitsministeriums der Ukraine umgewandelt.»

Anmerkung: In den 2000er Jahren schlugen die Vereinigten Staaten vor, ein Netz von dreißig Hightech-Biolabors dieser Art auf der ganzen Welt, auch in Russland, einzurichten. Ein solches Netz hätte es ermöglicht, schnell und effizient auf biologische Bedrohungen wie die COVID-19-Pandemie zu reagieren und die Ausbreitung von Krankheitserregern sowie die Dynamik von Mutationen zu überwachen. Leider weigerte sich die russische Seite strikt, mitzuarbeiten, und das Projekt wurde nie umgesetzt.


«Geheime amerikanische Laboratorien»

Es ist derzeit sehr einfach herauszufinden, wo sich die Labore der sanitär-epidemiologischen Stationen in der Ukraine befanden. Es sind die beängstigenden gelben Kreise mit dem Symbol einer biologischen Bedrohung auf einer Karte der Ukraine, die momentan so aufdringlich von der russischen Propaganda gezeigt werden. Vor kurzem haben die Besatzer ein regionales Laborzentrum in der Uvarov-Straße im vorübergehend besetzten Kherson «entnazifiziert». Das Filmmaterial wird als «Beweis für die Existenz einer geheimen Einrichtung, in der unter der Leitung der Amerikaner biologische Waffen hergestellt wurden», präsentiert.

Dr. Volansky ist empört über die Verlogenheit und den Zynismus der russischen Propagandisten. Er ist nicht der Einzige. Eine Gemeinschaft von Biologie-Absolventen russischer Universitäten, darunter der Staatlichen Universität Moskau, veröffentlichte einen offenen Brief an die russischen staatsnahen Medien. Die Wissenschaftler widerlegen die Propagandalüge, die Ukraine habe angeblich rasch Spuren des Biowaffenprogramms beseitigt, und fordern, dass die Verleumdungen gestoppt werden.

«Die von RIA Novosti und anderen russischen Medien veröffentlichte Liste der vernichteten Stämme enthält keine der als besonders gefährlich eingestuften Stämme. Die Liste enthält nur Stämme, die in mikrobiologischen und erst recht in epidemiologischen Labors üblich sind», so Evgeny Levitin, Mikrobiologe, Doktorand und Absolvent der Staatlichen Universität Moskau, in einem Aufruf. «Wir fordern ein Ende der falschen, völlig unbegründeten und hasserfüllten Aussagen über angebliche Beweise für die Entwicklung biologischer Waffen in ukrainischen Labors.»


Auf den Wegen der Zugvögel

Die Wissenschaftler des UFIPV arbeiteten nicht nur mit amerikanischen Kollegen zusammen, sondern auch mit Wissenschaftlern aus anderen Ländern, darunter Russland.

«Die Arbeit über Zugvögel wurde 2005 intensiviert», erinnert sich Ivan Rusev. «Damals, während der massiven Ausbreitung der Vogelgrippe, wurde dieses Thema zu einem der wichtigsten weltweit. Wir haben die Migrationswege und die Mechanismen der Virusübertragung zwischen den Populationen untersucht.»

Da Zugvögel Länder, Meere und Kontinente überqueren, ist eine solche Arbeit ohne die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern aus verschiedenen Ländern unmöglich.

«Bis 2013 haben wir aktiv mit russischen Forschern zusammengearbeitet», so Rusev weiter. «Wir arbeiteten eng mit Wissenschaftlern von Vektor in Novosibirsk, dem Gamaleya Centre of Epidemiology and Microbiology und dem Martsinovsky Institute of Tropical Medicine in Moskau zusammen. Sie kamen regelmäßig zu uns, wir besuchten sie - es war eine vollwertige wissenschaftliche Zusammenarbeit.»


Bei der Dienstreise bei «Vektor» in Novosibirsk. Foto aus dem Privatarchiv von Ivan Rusev.

Professor Rusev erinnert sich, wie einmal eine markierte Sturmmöwe in Odesa aufgefunden wurde, die in Nowosibirsk beringt worden war.

«Wir kontaktierten unsere Kollegen, fanden den Ornithologen, der diesen Ring angebracht hatte, und gratulierten ihm zu seinem großen wissenschaftlichen Erfolg», sagt er.

Zugvögel sind zu einem vorrangigen Thema für den Wissenschaftler geworden. Im Jahr 2013 verteidigte Ivan Rusev seine Doktorarbeit über die Ökologie der nördlichen Schwarzmeerküste. Heute ist er für die wissenschaftliche Forschung im Nationalen Naturpark Tuzlovskie Liman zuständig, schützt geschützte Gebiete vor Wilderern und setzt sich für die Einrichtung neuer Schutzgebiete in der Region Odesa ein.


Ivan Rusev bereitet sich auf die Aufnahme der Pelikane vor. Foto von Iryna Vychrystyuk

«Die Verwendung von Vogelgrippe-Erregern als biologische Waffen ist sowohl wissenschaftlich als auch technologisch gesehen völliger Unsinn», ist sich Rusev sicher. «Nun wird dieser Unsinn von einem gewissen Igor Kirillov eifrig in der Welt verbreitet. Wir kennen ihn gut, aber nicht als Wissenschaftler, sondern als Generalleutnant der Invasionsarmee.»

Noch einmal: Das «geheime amerikanische Labor» war für russische Mikrobiologen, die viele Jahre lang hierher kamen — bis zur russischen Invasion auf der Krim und im Donbass — völlig offen. Es stand auch Journalisten offen: 2012 veröffentlichten die Korrespondenten von Dumskaya einen ausführlichen Bericht aus dem UFIPV, auch aus dem Allerheiligsten — dem BSL-3-Labor.


Wie man «Beweise» fabriziert

Wir haben uns mit den Ursprüngen anderer «Beweise» befasst, mit denen die russischen Propagandisten jetzt aufwarten, um den Angriffskrieg, den russischen Einmarsch und die Tötung Tausender ukrainischer Zivilisten zu rechtfertigen.

Bereits am ersten Tag der groß angelegten Invasion zeigte sich das ukrainische Gesundheitsministerium besorgt über die Lagerbedingungen für gefährliche Proben in den regionalen Laborzentren. Sogar eine gebrauchte Spritze und ein Wattestäbchen zum Abwischen einer Injektionsstelle gelten laut Gesetz als gefährlicher Abfall und erfordern besondere Entsorgungsverfahren.

Umso wichtiger ist es, Proben von menschlichen und tierischen Krankheitserregern, die in epidemiologischen Laboratorien verwendet werden, sorgsam zu behandeln. In einer Situation der Ungewissheit wurde daher eine Anordnung zur Beseitigung aller gefährlichen Krankheitserreger erlassen.


Russische Regierungsmedien nutzen die Anordnung des ukrainischen Gesundheitsministeriums für Propaganda

Diese schwierige Entscheidung wurde auf Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation getroffen, um jede mögliche Art von Leckage zu verhindern.

«Wie in vielen anderen Ländern gibt es auch in der Ukraine Labors für öffentliche Gesundheit, die untersuchen, wie die Bedrohung durch gefährliche Krankheiten verringert werden kann», so die WHO. — Biosicherheitsexperten glauben, dass der Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine und die Bombardierung von Städten das Risiko erhöht hat, dass Krankheitserreger austreten, wenn eine dieser Einrichtungen beschädigt wird.»

Wie Sie sehen können, betrachtet die Weltgesundheitsorganisation nicht die ukrainischen medizinischen Labors als Bedrohung für die menschliche Gesundheit, sondern die russische Aggression und die barbarische Bombardierung von Städten durch die russische Armee. Diese Erklärung der WHO wurde sowohl in Russland als auch in den führenden Medien der Welt veröffentlicht.

Die Beseitigungsanordnungen enthalten nichts Geheimes — sie wurden vom Gesundheitsministerium auf dem üblichen E-Mail-Weg an die Provinzen verschickt. Daraufhin trafen die ersten Vollstreckungsbescheinigungen mit einer Liste von Krankheitserregern ein. Sie enthalten viele lateinische Namen verschiedener Mikroorganismen, und die russische Propaganda begann sofort, sie als «Beweise» in Umlauf zu bringen.

Ein Blick auf die Liste der entsorgten Proben genügt jedoch, damit jeder Fachmann mit Sicherheit sagen kann: Die «geheimen amerikanischen Labors» waren mit der Bekämpfung von Krankenhausinfektionen, der Lebensmittelsicherheit und der Überwachung von durch Impfung vermeidbaren Infektionen, insbesondere der Diphtherie, befasst. Solche Proben sollten in jedem präventiven und epidemiologischen Labor vorhanden sein.

Berichte über die Vernichtung von Krankheitserregern in regionalen Labors in Poltawa und Charkow, die von der russischen Propaganda genutzt werden. Die Liste enthält Referenzproben von Stämmen, die für die Hygiene von Interesse sind


DAS INSTITUT, DAS ES NICHT MEHR GIBT

Leider muss man konstatieren, dass das ukrainische Mechnikov-Forschungsinstitut zur Bekämpfung der Pest, das viele Jahre lang eines der führenden Forschungszentren der Ukraine war, seit einigen Jahren praktisch nicht mehr existiert.

Es wurde nicht mit russischen Bomben und Granaten zerstört, sondern durch unsere ukrainische „Reformatoren des Gesundheitssystem«.

Am UFIPV arbeiteten einst etwa zweihundert Leute, darunter mehr als fünfzig wissenschaftliche Mitarbeiter. In den letzten Jahren wurden am Institut jedoch keine wissenschaftlichen Arbeiten mehr durchgeführt.

Der letzte Forscher des UFIPV war sein ehemaliger Direktor, Doktor Sergej Posdnyakov. In den letzten Jahren war er stellvertretender Direktor für wissenschaftliche Arbeit und Mitglied der Liquidationskommission.

„Ich habe dem Institut mein ganzes Leben gewidmet«, sagt Sergej Posdnyakov mit schmerzerfüllter Stimme. «Wir waren ein fortschrittliches wissenschaftliches Zentrum von Weltklasse. Das Institut verfügte über qualifiziertes Personal, es gab Entwicklungen, es gab eine einzigartige Sammlung von Krankheitserregern, es gab eine Produktionsbasis. Unsere Spezialisten haben an der Beseitigung von Epidemien und Krankheitsausbrüchen in verschiedenen Ländern mitgewirkt. Wir haben Impfstoffe, Medikamente und biologische Produkte hergestellt und die fortschrittlichsten Methoden entwickelt. Ich war zum Beispiel an der Entwicklung von Bakteriophagen beteiligt – sie können ein wirksameres und sichereres Mittel gegen Infektionen werden als Antibiotika. Jetzt ist das alles weg. Und das Schlimmste ist, dass wir den goldenen Fond unserer Wissenschaft mit unseren eigenen Händen zerstört haben.«

Das Labor wurde 2014 eingestellt und die vollständige Liquidation des einzigartigen Instituts begann 2015 auf Anordnung des ukrainischen Gesundheitsministers Alexander Kvitashvili. Damals wurde in einem pseudoreformistischen Impuls die Vertikale des sanitär-epidemiologischen Dienstes rechtswidrig liquidiert, angeblich um die Korruption im SES zu bekämpfen. Nach dieser fehlerhaften Logik sollten zur Bekämpfung von Bestechungsgeldern im staatlichen Rettungsdienst alle Feuerwehrleute und Rettungskräfte entlassen und zur Bekämpfung der Korruption im Verteidigungsministerium die Streitkräfte aufgelöst werden.

Damals vor sieben Jahren wurde beschlossen, die regionalen Laborzentren und spezialisierten wissenschaftlichen Einrichtungen aus der Unterordnung des Ministeriums herauszunehmen und in eine staatliche Einrichtung – das Zentrum für öffentliche Gesundheit – zu überführen.

„Diese Reorganisation führte zu einer totalen Zerstörung unseres Instituts, die seit sieben Jahren andauert«, sagt Sergej Posdnyakov. «Man hat die Finanzierung wissenschaftlicher Arbeiten eingestellt. Man hat angefangen die Mitarbeiter zu entlassen. Man stellte die Wartung der Geräte ein, Gefrierschränke und Lüftungssysteme des Labors begannen zu versagen. Man hat damit angefangen das Institut buchstäblich auseinanderzureißen. Ich konnte es nicht ertragen und bin vor drei Jahren in Rente gegangen.«


Registrierungsdaten von UFIPV zum Zeitpunkt der Erstellung der Veröffentlichung. Die „Reorganisation« zog sich über Jahre hin.

Dumskaya hat wiederholt auf diese Situation aufmerksam gemacht. Doch vergeblich — die Zerstörung des Wissenschaftszentrums erfolgte in olympischer Ruhe von Ministerialbeamten und Mitarbeitern der US-Botschaft unter dem Jubel der ukrainischen «Oppositions»-Politiker.

Paradoxerweise wurde die Agonie der UFIPV durch die Coronavirus-Pandemie etwas gebremst. Immerhin wurden einige Mittel zur Verfügung gestellt, und die amerikanische PCR-Anlage, die seit 2007 hier steht, konnte Tests auf Coronaviren durchführen. Im Großen und Ganzen ist dies alles, was das Institut jetzt tun kann: ein einzigartiges Forschungszentrum, das auf das Niveau eines gewöhnlichen lokalen Labors reduziert ist.

Den Schlussstrich unter die Schließung der ukrainischen Forschungszentren im August 2021 zog Vladyslav Zbanatsky, stellvertretender Generaldirektor des Zentrums für öffentliche Gesundheit des ukrainischen Gesundheitsministeriums. Auf eine Informationsanfrage hin gab er offiziell bekannt, dass es in der Ukraine keine Labors der biologischen Schutzstufe BSL-3 mehr gibt.

Damit kann die Geschichte der «amerikanischen Laboratorien» beendet werden. Die ukrainische Wissenschaft wurde um Jahrzehnte zurückgeworfen.

«Viele Mitarbeiter des Instituts, meine Kollegen, meine Studenten arbeiten heute erfolgreich in leitenden Positionen in führenden wissenschaftlichen Einrichtungen auf der ganzen Welt», sagt Sergei Pozdnyakov. — Ihr Wissen, ihre Talente und ihre Erfahrung sind gefragt, und sie tragen weiterhin zur weltweiten Wissenschaft bei. Das ist das Einzige, was meine Seele jetzt wärmt — die Erkenntnis, dass meine Arbeit beim UFIPV nicht umsonst war.


EPILOG

Leider hat Odessa, das einst ein weltweit führendes Zentrum für Bakteriologie, Virologie und Mikrobiologie war, sein wissenschaftliches und produktives Potenzial in diesem Bereich vollständig verloren. Wie konnte das passieren? War es das Ergebnis von krimineller Absicht oder Unachtsamkeit, oder war es ein Nebeneffekt einer ungeschickten, gedankenlosen und rücksichtslosen «Reform»? Diese Frage wird von Historikern und hoffentlich auch von Strafverfolgungsbehörden beantwortet werden, welche eindeutigen Anzeichen für ein Verbrechen gegen die ukrainische Wissenschaft und die Verschwendung von Geldern der US-Steuerzahler — 25 Millionen Dollar für ein Biosicherheitsprogramm in der Ukraine — nachgehen müssen.

Aber auf jeden Fall ist es ungeheuerlich, Menschen, die gefährliche Infektionen erforscht, Menschen vor Krankheiten und Epidemien geschützt, Impfstoffe, Medikamente und Bioadditive entwickelt und hergestellt haben, als «Bioterroristen» zu bezeichnen. Das ist so ungeheuerlich wie Louis Pasteur, Ilja Mechnikow und Nikolai Gamaleja als «Kriminelle» zu bezeichnen, nur weil in ihren Labors gefährliche Viren und Bakterien gesammelt und untersucht wurden.

Noch ungeheuerlicher ist es, wenn diese Lügen und Verleumdungen selbst zu einer Waffe werden — in diesem Fall zu einer Propagandawaffe. Wenn mit der Arbeit und den Errungenschaften von Wissenschaftlern in rein friedlichen Projekten versucht wird, einen Angriffskrieg, die Bombardierung friedlicher Städte und Massenmord zu rechtfertigen. Wenn russisches Propagandagift verwendet wird, um Millionen von Menschen auf der ganzen Welt zu vergiften, um ein Sprungbrett zu schaffen und ihre totale physische Vernichtung zu rechtfertigen.

Denken Sie daran: Russische Funktionäre lügen, wann immer sie den Mund aufmachen!

Geschrieben von Serhiy Dibrov,
dumskaya.net, Odesa, Ukraine

Die Redaktion dankt den Freiwilligen für ihre Mitarbeit bei der Erstellung dieser Übersetzung.
Diese Arbeit ist der Allgemeinheit gewidmet.





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